Frau Mary K. hat einen Ehemann, Oskar K.
“Er gehörte zu jenen Leuten, deren Sein etwas Konkaves, Hohlspiegelartiges an sich hat. Man ist da immer geneigt Brennpunkte des Geistes zu vermuten, bis nicht das Gegenteil evident wird. Wer viel schweigt, hört und sieht viel,ohne Zweifel.Aber daß solche Zurückhaltung einfach einem erstaunlichen Mangel an Feuer entspringen könnte, nimmt zunächst niemand an.”
Dazu verfügt er über “ein nicht ganz zustande gekommenes Gesicht..” und es mag Ursache dafür sein dass Oskar K. die “Stärke bzw.Schwäche seiner Position” erkennt.
Mary K. sitzt alleine in ihrer Wohnung, nur Marie die Haushelferin ist anwesend. Das “möbelhaft polierte Schweigen” erzeugt eine “Dämonie der ruhenden Umgebung” und eigentlich spürt Mary eine “Sprödigkeit des Lebens”.
“Sie wollte heute nichts anrühren.”
Es war der Tag des geplanten Rendevous mit Dr. Negria.
Da passiert ein Malheur mit dem Teeset, eine Tasse zerbricht.
“..die Substanz des Lebens gehorchte diesmal in Mary keineswegs einer scherzhaften Deklaration, unter welcher sie untergebracht werden sollte, sie weigerte sich dessen.”
Dieses kleine Malheur am Anfang des Romans ist eine unheilvolle Vorahnung auf den Unfall gegen Ende des Buches, wo Mary K. bei einem Strassenbahnunfall ihr rechtes Bein verliert.

Das Stelldichein mit Dr.Negria wird nicht stattfinden, stattdessen setzt sich Mary K. ans Klavier und spielt “drei Chopin’sche Etüden und einiges von Schumann” (Ihre Klavierlehrerin Grete Siebenschein wohnt in der Wohnung darunter.)
Dazu:
“Alles, was dem Menschen im Leben geschieht, muss er zu einem Teil seiner selbst machen, er muss es für sich
verwirklichen und nicht neben sich stehen lassen. Diese Auseinandersetzung zwischen dem wirklichen Leben und einem vorgestellten Leben bildet eines der Hauptthemen und Probleme in den Werken Doderere.
Immer wieder finden sich Menschen, die keine Macht haben über diese zweite Wirklichkeit, von überall
her strecken die Dämonen ihre Fänge aus und versuchen, den Menschen, der nicht auf der Hut ist, in ihre Gewalt zu bringen.”
aus:
Annemarie Ketter:’Wien in den Romanen Heimito von Doderers’
(Montreal, 1963)
PS Noch ein Jean Paul’sches Zitat schiesst mir durch den Kopf bezüglich der Wirksamkeit von Musik:
„O Musik! Nachklang aus einer entlegnen harmonischen Welt! Seufzer des Engels in uns! Wenn das Wort sprachlos ist, und die Umarmung, und das Auge, und das weinende, und wenn unsre stummen Herzen hinter dem Brust-Gitter einsam liegen: o so bist nur du es, durch welche sie sich einander zurufen in ihren Kerkern und ihre entfernten Seufzer vereinigen in ihrer Wüste!“ (aus: Die unsichtbare Loge).